Johanna Klement 
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visual artist 

 

Allein ins Schlaraffenland?

 

„Der Weg ist das Ziel“: so könnte man die gemeinsame Ausstellung von Johanna Klement und Astrid Kitzler im Renner-Institut untertiteln. Beide sind Absolventinnen der Grafikklasse Sigi Schenk an der Universität für angewandte Kunst Wien und zeigen Vorarbeiten zu ihren Diplomen. Bei diesem „sich Hinarbeiten“ zu einem Ausbildungsabschluss sind eigenständige, in sich geschlossene Arbeitszyklen entstanden, die für sich sprechen. Von Theresa Stieböck.


„Der Weg ist das Ziel“ kann aber in diesem Fall nicht nur als Beschreibung des künstlerischen Schaffens verwendet werden, sondern auch als Motto der Thematiken. Astrid Kitzler fing auf einer Baltikumreise ihre Impressionen mit der Kamera ein, die Fotos bearbeitete sie später für ihre Druckgrafiken. In Lettland führte ihre Reise sie nicht nur an die Landesgrenze, sondern brachte sie auch in Berührung mit dem sozialen und politischen Umfeld der dort lebenden Menschen, etwa der in Lettland lebenden russischen Minderheit. Wo stehen diese Menschen, nicht nur geopolitisch gesehen, sondern, viel wichtiger, in der Gesellschaft? Blicken diese Menschen über eine Grenze, quasi durch ein Geflecht, ein Netz, einen Zaun in ihr altes Heimatland zurück? Sehen sie sich als politische Minderheit in Lettland isoliert, also nicht nur staatsbürgerlich sondern auch sozial ab- und ausgegrenzt? Es geht in Astrid Kitzlers Arbeiten um das Reisen, erfahrene Grenzen, das Aufbrechen der Menschen ins Ungewisse – dargestellt durch eine Person, mit dem Koffer in der Hand, zurückblickend aufeinen (überwundenen) Wall. Wo führt der Aufbruch hin, ins vermeintliche Schlaraffenland? Die fertigen Arbeiten stellte Astrid Kitzler unter den Titel „Schlaraffenland“.


Auch Johanna Klements Serie „all alone“ beschäftigt sich mit sozialen Erfahrungen. Sie geht aus von Fotos mit Menschengruppen und greift diskriminierend in diese Bilder ein. Menschen werden vereinzelt: in ihrem Umfeld werden die anderen Personen durch radikale Striche ausgemerzt oder, umgekehrt, ein Mensch wird aus der Gruppe hervorgehoben, etwa durch einen Kreis um seinen Kopf. Die Personen(-gruppen) selber verfremdet Johanna Klement mittels eines groben Rasters. Kompositorisch geht es um den Menschen im Raum, inhaltlich um den Menschen im Großraum, in der Stadt. Die Isolation jedes Menschen im geballten Raum, im Trubel, im Lärm, in der Hektik der Stadt ist verbildlicht. Hier ziehen sich die Grenzen um einzelne Individuen, die auf engstem Raum miteinander leben, aber doch keinen Zugang zueinander finden.


Ein Gespräch zwischen den Künstlerinnen und den Kuratoren Philipp Maurer und Michael Schneider über die Beweggründe zur Themenwahl und die Herstellungstechniken eröffnete die Ausstellung. Erörtert unter anderem wurde der noch immer nicht ganz selbstverständliche Einsatz von Fotografien in der Druckgrafik. Die immer wieder auftauchende Frage, ob Fotografieren eine druckgrafische Technik sei, wurde nur gestreift; vorbehaltlos legitimiertist inzwischen die digitale Bearbeitung und Wiedergabe von Fotografien in der Druckgrafik.


Am Beispiel von Johanna Klements Arbeiten wurde die ästhetische Funktion des gerasterten Bildes vorgestellt: Durch die Anwendung des Rasters bekommt das private Bild den Charakter eines veröffentlichten Bildes, das der Betrachter automatisch mit dem in den Printmedien verwendeten Flach- und Durchdruck in Verbindung bringt. Die Bearbeitung ändert also das Rezeptionsverhalten, die Bilder provozieren ein Leseverhalten, das aus dem Doppelcharakter von privatem und öffentlichem Bild resultiert.

 

Theresa Stieböck studiert seit 2003 an der Universität für angewandte Kunst Wien, Klasse für Grafik und Druckgrafik Sigbert Schenk, 2006 mit Förderstipendium, absolvierte mehrere Praktika im Liechtensteinmuseum Wien und 2008/09 ein Auslandsjahr an der Accademia di Belle Arti di Firenze, Italien; mehrere Ausstellungen (s. Um:Druck Nr.7/2008, S.29). Die Ausstellung „Astrid Kitzler, Schlaraffenland. Johanna Klement, all allone“ ist vom 8. Oktober 2009 bis zum 29. Jänner 2010 im Renner-Institut zu sehen (Veranstaltungskalender S.30).

Theresa Stieböck. Veröffentlicht im UM:DRUCK Nr. 12 Oktober 2007

 

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