Johanna Klement 
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visual artist 

 

Von der Langsamkeit und Der Liebe zum Drucken

 

In der Wiener Druckgraphik-Szene spielen Absolventinnen und Studierende der Druckgraphik-Klasse der Universität für angewandte Kunst eine wichtige Rolle. Sie arbeiten mit großer Energie, stellen sich ständig neuen Aufgaben und gewinnen damit das Interesse engagierter, an Druckgraphik interessierter Galeristinnen. Während des Monats der Druckgraphik sind ihre Arbeiten nicht nur in der Hauptausstellung im Künstlerhaus zu sehen, sondernauch in der Galerie KroArt in Wien und im Kunstraum Arcade in Mödling. Von Philipp Maurer


Gemeinsam mit der Galeristin Silvia Kro machen sich Künstlerinnen auf, die Langsamkeitfür sich zu entdecken. Die Kritik an den gegenwärtigen Zeitläuften liegt schon allein darin, sich auf die Suche zu machen nach etwas, das im Heute vermisst wird: etwa Slow Food als gesunde, soziale und umweltverträgliche Alternative zum hektischen, profitorientierten und regenwaldmordenden Burger. Ausgangspunkt für die bildnerische Gestaltung ist also die Suche nach Verlorenem, der verlorenen Zeit, der verlorenen Beschaulichkeit des Lebens,das aber doch noch immer da, auffindbar, beschreibbar, erlebbar ist. Das optimistische  Unternehmen, sich auf die Suche zu machen, widersteht dem häufigen und reichlich beliebten Kulturpessimismus. Dieser beurteilt viele Werte der indus-triellen oder postindustriellen, modernen oder postmodernen Gesellschaft negativ, in der permanente Erreichbarkeit, Informationsflut, Wirtschaftswachstum und Machbarkeit sowie permanentes Gewinnstreben für Tempobeschleunigung sorgen. Trotzdem schwingt auch Kritik an der Aufklärung, die auf eine permanente Verbesserung der Welt und der Lebensbedingungen im Hier und Jetzt abzielte, mit. Denn die Aufklärung sei, so die Grundvoraussetzung der Ausstellung, durchaus mit schuld an der dauernden rastlosen Hetzerei nach Verbesserungen, nach Erfolg und dem Glück auf Erden, letztlich dem Paradies hienieden.


Aber das Paradies hienieden liegt wohl ganz woanders, suggeriert uns die Ausstellung: in der Stille, im kleinen Waldstück, im Betrachten der Erinnerungen, in der langsamen Bewegung, in allem eben, was Kontemplation verspricht. In dem, was nach derzeit geltenden Kriterien als „Zeitverlust“ eingeschätzt würde. Dadurch eröffnet sich nun das Dilemma, dasden Akteurinnen wohl bewusst ist: schön und befriedigend ist es, den Augenblick zu genießen, sich der Kontemplation hinzugeben, aber für eine gesellschaftliche Weiterentwicklung in Richtung Entschleunigung ist solches Verhalten nicht gerade zielführend. Dies war auch dem Prototypen des europäischen Tatmenschen, Faust, sehr wohl bewusst, der bereit war, in dem Augenblick, den er als schön und bewahrenswert einschätzte, zu sterben. Im Übrigen tat er das dann auch: er sah sein gelungenes Werk, das dem Meer abgewonnene Land, zu dessen Gewinnung er locker über Leichen gegangen war, zufrieden an und starb.


Solch ideologisch und philosophisch schwierige, in der Sprache oft polemisch formulierte Positionen in Bilder umzusetzen, ist zweifellos kein leichtes Unterfangen und impliziert, das sei den jungen Künstlerinnen zugestanden, das Scheitern. Die Suche nach der Langsamkeit geschieht bereits in der angewandten Technik der Bildproduktion, der Druckgraphik. Druckgraphik ist ja, bedingt durch den aufwändigen Arbeitsprozess, eine Kunst der Langsamkeit, die in ihrem Entstehen immer wieder Phasen der Kontemplation, des Nachdenkens über das bereits Gewordene und seine kritische Beurteilung enthält. Erst auf Grundlage solcher Beurteilung werden Entscheidungen über den weiteren Arbeitsprozess getroffen, die weiteren Schritte festgelegt. Hetzerei, Hudlerei ist in der Druckgraphik fehl am Platz.


Darina Peeva eröffnet in ihren zweigeteilten Arbeiten Spannungsfelder zwischen Ein- und Ausatmen, zwischen laut und leise, zwischen oben und unten, hell und dunkel. Unentschieden wie eine Parteinahme auf der Suche nach der Langsamkeit schweben ihre Arbeiten zwischen den Stellungnahmen, fassen die Widersprüche ins harmonische Bild, halten sie mit Zwirnfaden und Näharbeit zusammen.  

Johanna Klement zeigt unentschlossen Wartende, orientierungslos Herumstehende, geistesabwesend Verlorene. Ihre Siebdrucke und Monotypien erfordern genaue technische Vorbereitung und klare inhaltliche Recherche, um den Effekt der scheinbar stehenbleibenden Zeit zu bewirken.  

Erik Šille aus der Slowakei schildert Märchenhaftes und Idyllisches, aus der erst vor kurzem vergangenen geschichtlichen Zeit seiner Heimat bis ins Heute ragende Formen der Bekleidung und Kommunikation.

Astrid Kitzler verlässt auf der Suche nach der Langsamkeit ihr druckgraphisches Revier, ums ich an die Anfertigung von Papierobjekten zu machen. Solche Bälle, aus denen Arme und Beine herausragen, hat schon der Oberdada Richard Huelsenbeck (1892-1974) gebaut, seinen dadaistischen Protest gegen die Zeit zu formulieren. Huelsenbeck verwendete den Fußball als Körper, um zu demonstrieren, dass ein Fußball mehr bedeute als ein Mensch. Astrid Kitzlers Papierhüllen lese ich als den verzweifelten Versuch, den eigenen Körper vor der andrängenden Welt zu schützen – wenn auch mit ungenügenden Mitteln, aber immerhin.


Die Ausstellung in der Galerie KroArt präsentiert neben den druckgraphischen auch Arbeiten in anderen Techniken, für die Langsamkeit charakteristisch ist, nämlich die feine Malerei von Monika Vicari, die sich auf jeden einzelnen Strich, und die Näharbeiten von Ina Loitzl, die sich auf jeden einzelnen Stich konzentriert. Die von Ina Loitzl vorgeführte Bildwelt der alten kleinen Fotografien in Biedermeierrahmen, zur erinnerungsträchtigen Gruppe arrangiert, provozieren auf subtile Weise Nostalgie und Sehnsucht nach Langsamkeit.


Die Galeristin und Druckgraphikerin Helga Cmelka teilt mit den von ihr präsentierten vier Druckgraphikerinnen das Wissen, dass in den traditionellen druckgraphischen Techniken noch viel drin und viel herauszuholen ist.


Die vier Künstlerinnen, übrigens ebenso wie Helga Cmelka selbst, nutzen das Medium Druckgraphik als Ausdrucksmittel – „The medium is the message“ – und nicht als Möglichkeitder Vervielfältigung. Die „Auflage“ ist nicht wichtig, wichtig ist an den angewandten Techniken nur, dass prinzipiell eine Auflage möglich wäre. In der vielfältigen, oft spielerisch anmutenden Nutzung verschiedener Techniken, im übereinander gedruckten Mix wird „Auflage“ als nummerierbare Wiederholung aber mehr und mehr unmöglich. Das Spiel hat seine eigenen Gesetze, die Würfel fallen immer anders. Die Ergebnisse sind so vielfältig wie die Ausgangspunkte, Experimente bringen neue bildnerische Erkenntnisse. Gerade dieses Forschen hat, wie Helga Cmelka gerne zugibt, hohes Suchtpotenzial: weiter und immer weitergeht die forschende Reise.


Das Interessante an der zeitgenössischen jungen Druckgraphik ist die thematische Konzentration auf Dinge und Themen, die eine gewisse Öffentlichkeit und öffentliches Interesse beanspruchen dürfen, also im weitesten Sinne politisch sind. Johanna Klement (siehe dazuden meditativen Makak in der Nr.13/09 des Um:Druck) arrangiert ihre fotografierten Architektur-Modellfiguren zu Gruppen, in deren räumlichem Zueinander sich gesellschaftliche Beziehungen abbilden. Johanna Klement sieht ihre Figuren „sinnbildlich als Mahnbild für die Uniformierung in der Gesellschaft, in der Rollenstrukturen über Fernsehserien festgelegtwerden, die Leute sich freiwillig Unfreiheiten hingeben und das selbständige Denken deseinzelnen zunehmend ausgeschaltet wird“ (Theresia Hauenfels im Katalog zur Ausstellungin der Galerie Arcade).

 

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